Haschisch

Für alles gibt es ein erstes Mal. Es gab eine Räumung durchzuführen. Leider war es nicht das erste und ganz sicherlich auch nicht das letzte Mal. Jeder Verwalter muss sich mit diesem traurigen Kapitel des Berufsstandes auseinandersetzen.

Es gibt Räumungen, da glänzt der (Ex-)Mieter durch Anwesenheit und unterstützt tatkräftig, manchmal bremst er auch, um zu verhindern, dass jedes intime Detail seines Lebens dem Verwalter und den mit der Räumung beauftragten Menschen kenntlich wird.

Meistens zeichnet sich der betroffene Mieter durch Abwesenheit aus, so auch bei dieser Räumung, die sich statt dessen durch ein anderes erwähnenswertes Detail auszeichnete.

Auf den ersten Blick eine ganz “normale Wohnung” – soweit man in solchen Fällen davon sprechen kann -. Dreckig, unaufgeräumt, kaum noch Laufwege, Unmengen von leeren Bierflaschen, das ungespülte Geschirr auf der Küche, im Waschbecken, in der Badewanne, Unmengen von Kleidungsstücken. Man fragt sich woher dieses Klientel diese Massen von Kleidung bezieht. Ein paar völlig heruntergekommene Möbelstücke und Flüssigdünger!

Flüssigdünger?

Man sieht ihn, nimmt ihn aber zunächst gar nicht bewußt zur Kenntnis. Kurz erinnnere ich mich darüber nachgedacht zu haben, wofür der Kerl wohl Flüssigdünger braucht.

Der Weg in ein Zimmer war zunächst völlig verbarrikadiert, da stand ein Schrank so unglücklich im Türeingang, dass ein Betreten des Raumes nicht möglich war. Durch die Ritzen links und rechts drang kein Lichtschimmer. Wahrscheinlich war das Rollo heruntergelassen. Hatte dieses Fenster überhaupt ein Rollo?

Irgendwann musste der Schrank zur Seite. Die Lichtverhältnisse waren ausgesprochen ungünstig. Da drang wirklich nicht der geringste Lichtschimmer durch das Fenster. Und das Licht, das aus dem Nebenraum kam, war so schwach, dass man nur Umrisse erkennen konnte.

Der Boden war seltsam. Es sah im Dunkeln aus, wie eine kleine Hügellandschaft. Wenn man drauftrat, gab der Boden nach. Nach einer Weile traute sich dann der erste durch das Zimmer und drang zu der Stelle vor, an der eigentlich das Fenster sein sollte. Die Wand war absolut schwarz. Es war nichts zu erkennen.

Jemand hatte ein Gestell vor das Fenster gebaut. Dieses Gestell war mehrfach mit Teppichen verhängt worden. Der oder die Teppiche waren – wie hinterher sichtbar wurde – an das Holzgestell genagelt worden. Die Ritzen sind mit Klebeband abgeklebt worden. Mit einem Messer und viel Mühe wurde der Teppich heruntergeschnitten. Langsam wurde sichtbar, was hier passiert war.

Das Zimmer (eines 8-Parteinhauses im 1. Obergeschoss) war großflächig mit Erde befüllt. Im Schnitt wahrscheinlich in einer Höhe von ca. 50 cm. In einer Ecke lagen die Reste von jeder Menge Blumenerdesäcken und etliche Flaschen Flüssigdünger. Über der “Plantage” schwebte eine Konstruktion, an der wohl einmal Lampen hingen um den Pflänzchen das richtige Licht zu gönnen. Es war nicht schwer zu erkennen, was hier angepflanzt wurde.

Zumindest für mich, war es die erste Begegnung mit einer solchen “Plantage”. Interessant war sicher auch der Anruf, den ich tätigte, als ich erkannte, womit wir es hier zu tun hatten.

Meiner – zumindest von mir so gedachten – Bürgerpflicht folgend rief ich über mein Handy bei der Polizei an. Ich wählte den Notruf, da ich in dieser Situation kein Telefonbuch zur Hand hatte.

Dem diensthabenden Beamten, der sich meldete, schilderte ich die Situation und fragte, ob seitens der Polizei das Bedürfnis bestehe, sich die Sache einmal anzusehen.

Zu meinem großen Erstaunen, schien der Beamte mit dieser Frage eher belästigt worden zu sein. Von Interesse keine Spur. Man meinte am anderen Ende der Telefonleitung: „Ne, das ist nicht wirklich spannend. Wenn wir schon einmal am räumen wären, mögen wir doch auch das bitte wegräumen.“

Damit war das Gespräch beendet. Wir haben getan, wie uns geheißen, und haben das “vermeintliche” Beweismaterial zu dem anderen Müll ins Auto geworfen, wo es wie alles andere in der Müllverbrennung landen wird. Bleibt zu hoffen, dass die Filter im Kamin der Hagener Müllverbrennung die umliegenden Bewohner vor den Gerüchen bewahrt, die uns zuteil wurden, als das Gestrüpp zusammengeknickt wurde, um es in Säcke zu verfrachten.

März 2007